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Kapitel 4
Erbschaft annehmen oder ausschlagen
Die Erbschaft fällt automatisch an. Wer sie nicht behalten will, muss frist- und formgerecht ausschlagen und darf zuvor nicht bereits angenommen haben.
Erbanfall und Annahme
Mit dem Erbfall geht der Nachlass von selbst über. Annahme kann ausdrücklich oder durch schlüssiges Verhalten erfolgen. Reine Sicherungs- und Fürsorgemaßnahmen müssen nicht zwingend Annahme bedeuten; Verfügungen über Nachlassgegenstände können dagegen kritisch sein.
Ausschlagung
Die Erklärung erfolgt zur Niederschrift des Nachlassgerichts oder in öffentlich beglaubigter Form. Die Frist beträgt grundsätzlich sechs Wochen und beginnt erst mit Kenntnis vom Anfall und Berufungsgrund; bestimmte Auslandsfälle führen zu sechs Monaten. Teilannahme und Teilausschlagung sind grundsätzlich ausgeschlossen.
Anfechtung
Annahme, Ausschlagung oder Fristversäumnis können bei anerkanntem Irrtum oder Drohung angefochten werden. Ein bloßer Irrtum über den Wert des Nachlasses genügt nicht ohne Weiteres; relevant kann ein Irrtum über verkehrswesentliche Eigenschaften wie Überschuldung sein.
Erbverzicht und Erbunwürdigkeit
Der Erbverzicht ist ein notarieller Vertrag mit dem Erblasser und erfasst je nach Inhalt auch Abkömmlinge und Pflichtteil. Erbunwürdigkeit tritt nicht automatisch ein, sondern wird nach dem Erbfall durch Anfechtungsklage aufgrund eng begrenzter Tatbestände geltend gemacht.
§§ 1942–1959 BGB · §§ 2339–2345 und 2346–2352 BGB.
Redaktionsgrundlage: Olzen/Looschelders, Erbrecht, 6. Aufl. 2020; eigenständige Zusammenfassung und Aktualisierung, Stand 16. September 2026.
Vertiefung
Wann ein Erbschein benötigt wird – und wann nicht
Der Erbschein ist ein amtliches Zeugnis über Erbenstellung und Erbquote. Er ist jedoch nicht in jedem Nachlass erforderlich. Ein eröffnetes notarielles Testament oder ein Erbvertrag kann gegenüber Banken oder dem Grundbuchamt vielfach genügen, wenn die Erbfolge daraus eindeutig hervorgeht. Bei privatschriftlichen Testamenten, unklaren Quoten oder gesetzlicher Erbfolge wird ein Erbschein häufiger verlangt.
Antrag und Nachweise
Der Antrag ist beim zuständigen Nachlassgericht oder über einen Notar zu stellen. Er muss die Tatsachen enthalten, aus denen sich das behauptete Erbrecht ergibt. Dazu gehören je nach Fall Personenstandsurkunden, Testamente, Eröffnungsniederschriften, Angaben zu weggefallenen Erben und zum ehelichen Güterstand. Bestimmte Angaben sind an Eides statt zu versichern. Beantragt werden können Allein-, gemeinschaftliche Teil- oder quotenbezogene Erbscheine sowie in internationalen Fällen gegebenenfalls ein Europäisches Nachlasszeugnis.
Vermutungswirkung und öffentlicher Glaube
Das Gesetz vermutet, dass dem im Erbschein Genannten das ausgewiesene Erbrecht zusteht und keine anderen als die angegebenen Beschränkungen bestehen. Wer gutgläubig vom ausgewiesenen Erben einen Nachlassgegenstand erwirbt, kann geschützt sein. Das macht einen unrichtigen Erbschein gefährlich: Das Nachlassgericht muss ihn einziehen oder für kraftlos erklären, sobald es von seiner Unrichtigkeit überzeugt ist.
Kosten und taktische Fragen
Die Gebühren richten sich nach dem Wert des Nachlasses abzüglich bestimmter Verbindlichkeiten. Vor dem Antrag sollte daher geprüft werden, ob ein kostengünstigerer Nachweis genügt und ob Streit über Testament, Testierfähigkeit oder Abstammung zu erwarten ist. Ein unüberlegter Antrag kann außerdem Erklärungen enthalten, die als Annahme der Erbschaft verstanden werden. Wer eine Ausschlagung erwägt, sollte deshalb nicht vorschnell auftreten.
Vollständiger Praxisüberblick
Erbscheinsverfahren im Streitfall
Widersprechen Beteiligte der beantragten Erbfolge, ermittelt das Nachlassgericht von Amts wegen. Es kann Urkunden beiziehen, Zeugen vernehmen, Schriftgutachten oder medizinische Gutachten zur Testierfähigkeit einholen. Das Verfahren endet mit Feststellung der für die Erteilung erforderlichen Tatsachen; gegen die Entscheidung sind die vorgesehenen Rechtsmittel möglich.
Gemeinschaftlicher und Teilerbschein
Bei mehreren Erben weist der gemeinschaftliche Erbschein sämtliche Erben und Quoten aus. Ein Teilerbschein betrifft nur die Stellung eines Miterben; mehrere Teilerbscheine können verbunden werden. Der Antrag muss mit dem behaupteten Erbrecht übereinstimmen, sonst drohen Zurückweisung und zusätzliche Kosten.
Unrichtiger Erbschein
Ein materiell unrichtiger Erbschein ist einzuziehen. Bis dahin kann sein öffentlicher Glaube Dritte schützen, die vom ausgewiesenen Erben erwerben. Der wirkliche Erbe sollte bei drohenden Verfügungen deshalb nicht nur das Einziehungsverfahren betreiben, sondern mögliche Sicherungsmaßnahmen und Hinweise an Register oder Vertragspartner prüfen.
Grundbuch und Banken
Das Grundbuchamt darf einen Erbschein nicht pauschal verlangen, wenn sich die Erbfolge eindeutig aus einer eröffneten öffentlichen Urkunde ergibt. Auch Banken dürfen Nachweise nicht schematisch überziehen. Bei privatschriftlichen Testamenten oder Auslegungszweifeln bleibt der Erbschein jedoch häufig der praktisch sicherste Nachweis.
