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Kapitel 8
Internationales Erbrecht und EuErbVO
Bei grenzüberschreitenden Nachlässen entscheidet häufig der letzte gewöhnliche Aufenthalt über Zuständigkeit und anwendbares Erbrecht – nicht Staatsangehörigkeit oder Lage einzelner Gegenstände.
Anwendungsbereich der EuErbVO
Die Europäische Erbrechtsverordnung gilt für Erbfälle seit dem 17. August 2015 in den teilnehmenden EU-Staaten. Sie regelt insbesondere internationale Zuständigkeit, anwendbares Erbrecht, Anerkennung von Entscheidungen und das Europäische Nachlasszeugnis. Steuer-, Gesellschafts- und Güterrecht bleiben grundsätzlich außerhalb ihres sachlichen Anwendungsbereichs.
Gewöhnlicher Aufenthalt und Rechtswahl
Ohne Rechtswahl gilt grundsätzlich das Recht des Staates, in dem der Erblasser im Zeitpunkt des Todes seinen gewöhnlichen Aufenthalt hatte. Die Bestimmung verlangt eine Gesamtwürdigung der Lebensumstände. Eine Person kann für die gesamte Rechtsnachfolge grundsätzlich das Recht ihrer Staatsangehörigkeit wählen; bei mehreren Staatsangehörigkeiten besteht Auswahl.
Nachlasseinheit und Drittstaaten
Das berufene Recht erfasst grundsätzlich den gesamten Nachlass. Bei Drittstaaten können Rück- und Weiterverweisung, ordre public, Registerrecht und Sondernachfolgen zusätzliche Fragen auslösen. Gesellschaftsanteile und güterrechtliche Vorfragen sind gesondert zu qualifizieren.
Europäisches Nachlasszeugnis
Das Zeugnis erleichtert Erben, Vermächtnisnehmern mit unmittelbaren Rechten und Testamentsvollstreckern den Nachweis ihrer Stellung in anderen Mitgliedstaaten. Es ersetzt nicht zwingend nationale Nachweise und wird nur für die grenzüberschreitende Verwendung ausgestellt.
Verordnung (EU) Nr. 650/2012 · Internationales Erbrechtsverfahrensgesetz.
Redaktionsgrundlage: Olzen/Looschelders, Erbrecht, 6. Aufl. 2020; eigenständige Zusammenfassung und Aktualisierung, Stand 16. September 2026.
Vertiefung
Vier Fragen bei jedem grenzüberschreitenden Erbfall
Internationale Nachlässe verlangen eine feste Prüfreihenfolge: Welches Gericht oder welche Behörde ist zuständig? Welches Erbrecht ist anzuwenden? Wie wird die Erbenstellung nachgewiesen? Und wie werden Entscheidungen oder Urkunden im anderen Staat verwendet? Staatsangehörigkeit, Wohnsitz, Vermögensort und gewöhnlicher Aufenthalt können dabei in unterschiedliche Richtungen weisen.
Gewöhnlicher Aufenthalt und Rechtswahl
Nach der Europäischen Erbrechtsverordnung unterliegt die Rechtsnachfolge von Todes wegen grundsätzlich dem Recht des Staates, in dem der Erblasser beim Tod seinen gewöhnlichen Aufenthalt hatte. Maßgeblich ist eine Gesamtwürdigung der Lebensumstände, nicht allein die Melderegisteradresse. Eine Person kann für die Rechtsnachfolge das Recht des Staates wählen, dessen Staatsangehörigkeit sie besitzt. Die Rechtswahl sollte eindeutig in einer Verfügung von Todes wegen erklärt werden.
Einheit des Erbstatuts – mit Grenzen
Das berufene Erbrecht erfasst grundsätzlich den gesamten Nachlass, unabhängig davon, in welchem Mitgliedstaat sich einzelne Gegenstände befinden. Davon zu trennen sind registerrechtliche Anforderungen, dingliche Rechte, Gesellschaftsrecht, Ehegüterrecht und Steuern. Gerade bei Immobilien oder Unternehmen können diese Bereiche zusätzliche Regeln des Belegenheits- oder Gründungsstaates auslösen.
Europäisches Nachlasszeugnis
Das Europäische Nachlasszeugnis dient Erben, Vermächtnisnehmern mit unmittelbaren Rechten, Testamentsvollstreckern und Nachlassverwaltern zum Nachweis ihrer Rechtsstellung in anderen teilnehmenden Mitgliedstaaten. Es ersetzt nationale Zeugnisse nicht generell, erleichtert aber den grenzüberschreitenden Vollzug. Ausfertigungen sind nur begrenzt gültig und müssen bei fortdauerndem Bedarf erneuert werden.
Vorsorgecheck
- Aufenthaltsstaat und Staatsangehörigkeiten dokumentieren.
- Testamente verschiedener Staaten auf Widersprüche prüfen.
- Rechtswahl, Formwirksamkeit und Bindungswirkung abstimmen.
- Ausländische Immobilien, Konten und Gesellschaftsanteile vollständig erfassen.
- Steuerberatung in allen betroffenen Staaten frühzeitig koordinieren.
Vollständiger Praxisüberblick
Staaten außerhalb der Europäischen Erbrechtsverordnung
Die Europäische Erbrechtsverordnung gilt nicht weltweit und auch nicht in allen europäischen Staaten in gleicher Weise. Dänemark und Irland nehmen an ihr nicht teil; bei Drittstaaten können deren Kollisionsnormen zu einer anderen Rechtsordnung oder zu Nachlassspaltung führen. Immobilien werden in manchen Staaten zwingend nach Belegenheitsrecht behandelt.
Formwirksamkeit mehrerer Testamente
Internationale Familien verwenden häufig Testamente in mehreren Staaten. Diese dürfen sich nicht unbeabsichtigt widerrufen. Jede Urkunde sollte ihren räumlichen Gegenstand, Verhältnis zu anderen Testamenten und Rechtswahl klar bestimmen. Das Haager Testamentsformübereinkommen und nationale Formregeln können die Wirksamkeit stützen.
Pflichtteil und ordre public
Das berufene ausländische Recht kann andere Noterbrechte oder gar keinen Pflichtteil kennen. Deutsche Gerichte wenden grundsätzlich das ermittelte Erbstatut an; nur in extremen Ausnahmefällen greift der ordre public. Güterrechtliche Ansprüche des Ehegatten sind getrennt zu bestimmen und können wirtschaftlich ähnlich wirken.
Steuern bleiben national
Die EuErbVO harmonisiert keine Erbschaftsteuer. Mehrere Staaten können denselben Erwerb besteuern. Doppelbesteuerungsabkommen bestehen nur begrenzt; nationale Anrechnung oder Abzug muss geprüft werden. Wohnsitz, Staatsangehörigkeit, Belegenheit und frühere Schenkungen beeinflussen die Steuerpflicht.
Internationaler Notfallordner
- Testamente, Rechtswahl und Familienurkunden.
- Vermögensliste nach Staaten und Registern.
- Steuerliche Wohnsitze und Staatsangehörigkeiten.
- Ansprechpartner, Vollmachten und beglaubigte Übersetzungen.
- Nachweise zu Schenkungen und ausländischen Gesellschaften.
