Erbrecht · Vermögensnachfolge · Private Clients
DeinErbrecht.DEDas Rechtsportal der THEMIS Rechtsanwaltsgesellschaft mbHRechtsanwalt Dr. Hannes Hartung · Steuerberater Sascha Woellke · Rechtsanwältin Karolina Bick
Kapitel 2
Gesetzliche Erbfolge der Verwandten
Fehlt eine wirksame Verfügung von Todes wegen oder erfasst sie nicht den gesamten Nachlass, bestimmt das Gesetz Erben nach Ordnungen, Stämmen und Linien.
Ordnungs- und Parentelsystem
Erben erster Ordnung sind die Abkömmlinge. Solange ein Abkömmling lebt, schließt er seine eigenen Abkömmlinge aus; ist er vorverstorben, treten seine Nachkommen nach Stämmen an seine Stelle. Erst wenn keine Person der ersten Ordnung vorhanden ist, kommen Eltern und deren Abkömmlinge als zweite Ordnung zum Zug. Die dritte Ordnung beginnt bei den Großeltern.
Repräsentation, Eintritt und Grad
Innerhalb der ersten Ordnung gilt das Stammesprinzip. In der zweiten und dritten Ordnung werden Linien gebildet. Ab der vierten Ordnung entscheidet stärker der Verwandtschaftsgrad. Mehrfache Verwandtschaft kann zu mehreren Erbteilen derselben Person führen.
Adoption und Elternschaft
Die Minderjährigenadoption begründet grundsätzlich volle rechtliche Verwandtschaft zur Adoptivfamilie. Bei Volljährigenadoptionen sind die Wirkungen regelmäßig enger. Maßgeblich ist die rechtliche, nicht allein die biologische Verwandtschaft; deshalb sind auch Vaterschaftszuordnung und Anerkennung relevant.
Typische Prüfungsfehler
- Ehegattenquote ohne vorherige Verwandtenquote berechnen,
- vorverstorbene Kinder ohne Eintritt ihrer Abkömmlinge streichen,
- Adoption oder Erbverzicht übersehen,
- nur die Erbquote, nicht aber Pflichtteil und Ausgleichung prüfen.
Redaktionsgrundlage: Olzen/Looschelders, Erbrecht, 6. Aufl. 2020; eigenständige Zusammenfassung und Aktualisierung, Stand 16. September 2026.
Vertiefung
Ordnung, Stamm und Eintrittsrecht im Zusammenspiel
Die gesetzliche Erbfolge der Verwandten arbeitet mit Ordnungen. Solange auch nur ein Verwandter einer vorrangigen Ordnung erbt, sind Angehörige nachrangiger Ordnungen ausgeschlossen. Innerhalb der ersten Ordnung wird nach Stämmen geteilt: Jedes Kind des Erblassers bildet mit seinen Abkömmlingen einen Stamm. Lebt das Kind, verdrängt es seine eigenen Abkömmlinge. Ist es vorverstorben, treten dessen Kinder an seine Stelle.
Zweite und fernere Ordnungen
Zur zweiten Ordnung gehören die Eltern des Erblassers und deren Abkömmlinge. Leben beide Eltern, erben sie grundsätzlich je zur Hälfte. Ist ein Elternteil vorverstorben, fällt sein Anteil an dessen Abkömmlinge, also etwa Geschwister, Nichten oder Neffen des Erblassers. Erst wenn dort niemand vorhanden ist, wächst der Anteil dem anderen Elternteil oder dessen Linie zu. In der dritten Ordnung wird entsprechend von den Großelternlinien ausgegangen.
Adoption und nichteheliche Abstammung
Die rechtliche Abstammung ist maßgeblich. Nichteheliche Kinder sind erbrechtlich grundsätzlich gleichgestellt. Bei Adoptionen hängt die Reichweite der Verwandtschaftswirkungen insbesondere davon ab, ob ein Minderjähriger oder ein Volljähriger angenommen wurde. Bei Stiefkindern entsteht ohne Adoption keine gesetzliche Verwandtenerbfolge. Solche Familienkonstellationen verlangen oft eine ausdrückliche testamentarische Regelung.
Berechnungsbeispiel
Hinterlässt der Erblasser zwei Kinder, erhält jedes grundsätzlich die Hälfte. Ist eines vorverstorben und hat zwei Kinder, teilen diese den Stammanteil ihres Elternteils: Das lebende Kind erhält eine Hälfte, die beiden Enkel jeweils ein Viertel. Ein zusätzlich überlebender Ehegatte verändert zunächst die für die Verwandten verbleibende Quote; erst dieser Rest wird nach Stämmen verteilt.
Für eine belastbare Erbquotenberechnung sind deshalb Familienstand, Verwandtschaftsgrad, Vorversterben, Ausschlagungen, Adoptionen und der eheliche Güterstand gemeinsam zu erfassen.
Vollständiger Praxisüberblick
Sonderfälle der Verwandtenerbfolge
Mehrere Ereignisse können die gesetzliche Erbfolge verändern. Wer vor dem Erblasser verstorben ist, fällt weg; in der ersten Ordnung treten seine Abkömmlinge ein. Wer ausschlägt oder erbunwürdig ist, wird für die gesetzliche Folge grundsätzlich so behandelt, als habe er nicht gelebt. Dadurch können bislang nachrangige Personen berufen werden.
Halbgeschwister und verschiedene Linien
Halbgeschwister können in der zweiten Ordnung über den gemeinsamen Elternteil erben. Ist etwa die Mutter vorverstorben, teilen ihre Abkömmlinge den mütterlichen Linienanteil; Kinder des Vaters aus einer anderen Beziehung nehmen daran nicht über die Mutter teil. Stammbäume müssen deshalb nach Elternlinien aufgebaut werden.
Adoption Volljähriger
Bei der Minderjährigenadoption entsteht grundsätzlich eine umfassende rechtliche Verwandtschaft zur Adoptivfamilie. Bei der Volljährigenadoption sind die Wirkungen regelmäßig enger und erstrecken sich nicht automatisch auf die gesamte Verwandtschaft der Annehmenden. Der gerichtliche Adoptionsbeschluss und mögliche besondere Wirkungsanordnung sind zu prüfen.
Beweis der Abstammung
Personenstandsurkunden bilden die Grundlage, können bei alten oder internationalen Fällen aber fehlen oder widersprüchlich sein. Dann kommen weitere öffentliche Urkunden, gerichtliche Feststellungen und gegebenenfalls Abstammungsverfahren in Betracht. Private DNA-Tests ersetzen nicht automatisch den rechtlichen Nachweis.
Erbquoten kontrollieren
Die Berechnung sollte getrennt erfolgen: zuerst Ehegatten- oder Lebenspartnerquote, danach Verteilung des Restes auf die vorrangige Verwandtenordnung, innerhalb dieser Ordnung nach Stämmen oder Linien. Erst am Ende werden Ausschlagungen und weitere Wegfallgründe eingearbeitet.
